Dieser Text wurde in der Aprilausgabe der Graswurzelrevolution auf Seite 17 erstmals veröffentlicht.........................................ENGLISH


Neo-Nazi-Eugenik

Antifa merkbefreit?

Menschen können aus denselben Gründen das Verschiedenste, ja sogar Gegensätzliche, tun, und sie können aus den unterschiedlichsten Gründen dasselbe tun. Das ist die Ontologie der menschlichen Freiheit.
Plastischer lässt sich dies mit den Mitteln der Mengenlehre darstellen:

grafik

Es gibt also keine irgendwie abstrahierbare Zuordnung von Gründen zu Verhalten oder umgekehrt. Damit gibt es jenseits einer gewissen Plausibilität auch keine Möglichkeit einer nicht-mysteriösen Prognostizierbarkeit menschlichen Verhaltens. Diese Freiheit birgt das Problem, dass Einzelne auch Dinge tun können, die von vielen Anderen unerwünscht sind. Womit wir bei den Gewaltverhältnissen angekommen sind und deren Legitimierung – der handelnden Herrschenden gegenüber sich selbst, wie auch gegenüber dem Rest der Gesellschaft. In der Rechtfertigung der Gewalt, ihre Transformation in Recht und damit in gesellschaftlich zulässige, legale Gewalt, fließen die wesentlichen Teile der Ideologie einer Gesellschaftsformation ein.

Im Folgenden soll einerseits gezeigt werden, mit welcher Ideologie der systematische Gaskammer-Massenmord gerechtfertigt wurde, der 1939 in den Psychiatrien begann. Andererseits soll es darum gehen, weshalb bisher völlig unbeachtet blieb, dass im Oktober für diese nur in ein paar Buchstaben umetikettierte Ideologie in Hamburg ein "Weltkongress psychiatrischer Genetik" [1] veranstaltet wird.

In den letzten 350 Jahren hatte das explosionsartig angewachsene Wissen über kausale Wirkungszusammenhänge den Nebeneffekt, dass geglaubt wurde, der oben angeführte Sachverhalt könnte geleugnet werden und das vermeintlich genauso wissenschaftliche Forschungsmethoden wie für die Naturwissenschaften auch für menschliches Verhalten bestünden. Dieser Irrtum ist zwar leicht als solcher zu durchschauen, aber der Wunsch nach Kontrollierbarkeit und Vorhersagbarkeit dominierte die Phantasie. So wurde die Erfüllung dieses Wunsches einfach vorgetäuscht. Das Lügengewerbe der Psychiatrie war als vermeintlich medizinische Disziplin geboren und wurde als akademische Hochstapelei am Hof der Wissenschaft abgesichert. Das war von gegenseitigem Vorteil: Es ermöglichte nicht nur der Psychiatrie machtvolle Protektion, sondern auch der Akademie die Beteiligung an der politisch verwalteten Machtausübung - sogar durch gewaltsame Eingriff in die Körper Unterdrückter. Folge war, dass an universitären Lehr-“Krankenhäusern“ Ärzte als Überwachungspersonal für die psychiatrischen Gefängnisse und Folterstätten ausgebildet wurden.
Die Spaltung in Menschen und Wahnsinnige war vollzogen.

Eine weitere Radikalisierung der Psychiatrie folgte, als Vererbungsregelmäßigkeiten biologische Gewissheit wurden. Zunächst wurden sie ganz harmlos als Mendelsche Gesetze anhand von Pflanzen entdeckt und mit großer Wirkung in diversen „grünen Revolutionen“ genutzt. Da lag es nahe, auch Menschen zu botanisieren, wie es ja schon in der metaphorischen Rede von „Wurzeln eines Menschen“ als Genealogie der Fall war. In dieser Logik folgte konsequent der Wunsch, gesellschaftliche Bewertungsmaßstäbe in die Vererbungslehre einzubauen und der Kategorienfehler an sich, psychiatrische Erbhygiene, konnte seine wissenschaftlich angetriebene politische Karriere machen. Links (z.B. „wissenschaftlicher Sozialismus“, Alfred Grotjahn) wie rechts war Wissenschaftlichkeit zur Letztbegründung geworden und mit ihrer Hilfe konnte jede Gewalttätigkeit und jeder Terror als „notwendige Kosten“ gerechtfertigt werden.

Sicher ist banal, dass wir alle verschieden sind, aber die vermeintliche Analogie, dass wir deshalb auch rechtlich verschieden zu behandeln seien, ist eine willentliche Festlegung wider die Idee von Recht, also einer blinden Justitia. Diese falsche Analogie griff die anti-emanzipatorische Reaktion begierig als Angebot der Wissenschaft auf und trieb in Deutschland die Selbstmanipulation der Gesellschaft auf die Spitze von „Übermensch“ versus „Untermensch“. Die Vererbungslehre machte als Menschen geborene, die unerwünschte Verhaltensweisen zeigten, oder solche Gedanken bzw. Gefühle äußerten, zu biologisch zu bekämpfenden Nicht-mehr-Menschen. Einerseits wurde so zwischen Menschen eine Gattungsschranke errichtet [2], während andererseits Individuen im angeblichen „Volkskörper“ aufgingen. Oder in den Worten von Alexander Meschnik:

Analog zu einem theokratischen System mit seinen Ordenshütern und heiligen Verpflichtungen könnte man den nationalsozialistischen Staat als eine Biokratie bezeichnen. Der Arzt als "Pfleger des Volkskörpers" und "biologischer Soldat" war für die biomedizinische Vision der nationalsozialistischen Eschatologie von herausragender Bedeutung. Auch Adolf Hitler hatte sich bereits 1925 in „Mein Kampf“ als Chirurg am staatlichen Organismus vorgestellt, der die in seinen Augen krankhaften Teile der Gesellschaft mit scharfen und präzisen Schnitten entfernen wollte. Zweifellos muss die Medikalisierung des Tötens, die Tötung im Namen einer höheren und umfassenderen Heilung, als Schlüssel für ein Verständnis der Massenmorde herangezogen werden. Mehr noch: das Töten als therapeutischer Imperativ steht im Zentrum der nationalsozialistischen Praktiken. ... Rudolf Heß, der Stellvertreter des Führers, brachte dies im Jahre 1934 auf die einfache Formel: "Nationalsozialismus ist nichts anderes als angewandte Biologie." [3]

Die weiteren Maßnahmen der Erbhygiene (Zwangssterilisation, Sichten und Vernichten durch Gaskammermorde in der Aktion T4, systematisches Weitermorden in Vernichtungslagern und in Psychiatrien sogar bis 1948/49) sind bekannt bzw. umfänglich dokumentiert z.B. hier: www.zwangspsychiatrie.de/geschichte


Wie ein Euphemismus weiter wirksam ist

Immer wieder erstaunt mich, wie wenig die brachiale Radikalität der Nazis in ihrer ideologischen Dimension wahrgenommen wird. Thomas Szasz hat sie in einem Vergleich deutlich gemacht:

"Schizophrenie ist ein strategisches Etikett, wie es "Jude" im Nazi-Deutschland war. Wenn man Menschen aus der sozialen Ordnung ausgrenzen will, muss man dies vor anderen, aber insbesondere vor einem selbst rechtfertigen. Also entwirft man eine rechtfertigende Redewendung. Dies ist der Punkt, um den es bei all den hässlichen psychiatrischen Vokabeln geht: sie sind rechtfertigende Redewendungen, eine etikettierende Verpackung für "Müll"; sie bedeuten "nimm ihn weg", " schaff ihn mir aus den Augen", etc. Dies bedeutete das Wort "Jude" in Nazi-Deutschland, gemeint war keine Person mit einer bestimmten religiösen Überzeugung. Es bedeutete "Ungeziefer", "vergas es". Ich fürchte, dass "schizophren" und "sozial kranke Persönlichkeit" und viele andere psychiatrisch diagnostische Fachbegriffe genau den gleichen Sachverhalt bezeichnen; sie bedeuten "menschlicher Abfall", "nimm ihn weg", "schaff ihn mir aus den Augen." [4]

Die Rechtfertigung für den systematischen ärztlichen Massenmord war psychiatrische Erbhygiene und die Morde wurden als „Euthanasie“ – Tötung auf Verlangen - verbrämt. Die Opfer wurden so noch einmal entwürdigt, ihres Willens beraubt, weil ihnen mit dem Gebrauch dieses Wortes für ihre Ermordung unterstellt wurde, sie hätten ihren Tod gewünscht. Der Gebrauch dieses Wortes heute für den systematischen ärztlichen Massenmord von 1939 bis 1949 ist die direkte Reproduktion von Ärzte-Nazi-Ideologie, ahnungsloser Ausdruck von Identifizierung mit den Tätern und damit der Versuch einer Vertuschung von deren Schuld [5]. Unterstellen wir, dass das Wort nur gedankenlos so verwendet wird, wie es bei dem Wort "Endlösung"nicht mehr vorkommt. Ganz ähnlich fällt man auf die Beschönigungen der Nazis herein, wenn man deren Redewendung von "lebensunwertem Leben"nicht durchschaut. Um wertes oder unwertes Leben ging es damals nicht, denn dann wäre es dem jeweiligen Bewertungsmaßstab des Bewertenden überlassen geblieben, wie gewertet wird. Z.B. hätten Angehörige ja die sodann ermordeten Opfer für lebens- und liebenswert halten und zu Hause aufnehmen bzw. versorgen können - ohne dass irgendwelche Transferleistungen als „Belastung der Allgemeinheit“ hätten gewähnt werden können. Nein, wer auf diese Nazi-Redeweise reinfällt, täuscht sich über die Funktion dieser Rhetorik, die nur rationalisierende Garnierung war, und kann nicht mehr erkennen, dass tatsächlich eine Gattungsschranke [6] errichtet worden war. Es ging den Ärzte-Nazis und dem mitgezogenen Mainstream sozusagen „nur“ um die Beseitigung von Nicht-Menschen, phantasiert als Krebsgewebe. So wurde das Morden beim Nürnberger Ärzteprozess von den Tätern selbst erklärt. Das war nicht nur Verteidigung, es war deren Überzeugung, nur die blutigen Hände, die man dabei bekam, störten etwas. Wie Handschuhe wurde diese blutige Oberfläche abgestreift und kurz danach wurden in den 50er Jahren die Hände durch eine kleine Veränderung in den Buchstaben in Unschuld gewaschen: aus psychiatrischer Erbhygiene war psychiatrische Genetik geworden und dieselbe Ideenlehre konnte als alter Wein in neuen Schläuchen weitergehegt werden. Ja, sie bekam in den 80er Jahren sogar den Segen des angeblich so kritischen Sozialpsychiaters Klaus Dörner, der 1985 schrieb:

"Ebenso konnte sich die Genetik von ihren Ideologien befreien und dadurch ihre wirkliche Bedeutung vor allem für die Prävention zeigen."[7]

Mit so breiter fachlicher Zustimmung konnten die Verbrechen der Vergangenheit mit merkbefreitem Gedenken verklärt werden, um damit das Vergessen zu gewährleisten. Im Boom der „Genifizierung“ und des „Jahrzehnt des Gehirns“ in den 90er Jahren war dann der Protest minimal, als sich im Oktober 1998 an der Bonner Universität der 6. Weltkongress psychiatrischer Genetik versammelte, dessen Programm im Internet dokumentiert ist. [8]


Eine Verkennung mit weitreichenden Folgen

Warum wurde der von den Nazis geschickt gewählte Euphemismus „Euthanasie“ zwar regelmäßig in Anführungszeichen geschrieben, aber nicht verstanden, was mit der Wortwahl beabsichtigt wurde? Weil das Konzept, es gäbe Menschen und Geisteskranke, weiter geteilt wurde. Die garnierende Rede von „Lebensunwertem“ erlaubte die Moral negierende Behauptung, es habe sich bei der Triebfeder um typisch kapitalistische Wertgesetzmäßigkeiten gehandelt, begründet in den Eigentumsverhältnissen an Produktionsmitteln, es gäbe ein ökonomisches Kalkül für das Morden versus eines Mangels an christlich gefärbtem Paternalismus, der dem Geschehen zugrunde gelegen habe. Resultat: eine Verkennung, mit dem das Morden als eine Vernachlässigung der Lebenserhaltungspflicht konzeptionalisiert wurde und nicht als ein Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht, das es tatsächlich war! So konnte der Unterschied zwischen einer Selbsttötung und einem Mord verwischt werden, um das psychiatrische Regime unangetastet zu lassen; das systematische Massenmorden wurde zu einer Art „Übertreibung“ verharmlost. Denn eine Kernaufgabe psychiatrischer Fremdbestimmung ist die aus einer Lebenserhaltungspflicht abgeleitete Bestrafung, die Verfolgung und Unterdrückung von Selbsttötungsabsichten, wenn diese bemerkbar werden.

Dieser Konflikt ist bei der Diskussion um das Patientenverfügungsgesetz erneut aufgebrochen und 2009 zugunsten der Selbstbestimmung entschieden worden. Die Folge ist nicht nur, dass man sich mit einer speziellen Patientenverfügung, der PatVerfü [9], jeder psychiatrischen Diagnose und somit Misshandlung rechtswirksam entziehen kann, sondern auch, dass letztes Jahr vom Bundesverfassungsgericht Gesetze zur Legalisierung psychiatrischer Zwangsbehandlung als nicht verfassungskonform genichtet wurden.

Psychiater sind schlechte Verlierer: Anstatt inne zu halten wird u.a. von Prof. Peter Falkai, dem Präsidenten der gesamtpsychiatrischen Vereinigung DGPPN, vom 14.-18. Oktober zum zweiten Mal der Weltkongress psychiatrischer Erbhygiene in Deutschland vorbereitet, dieses mal im CCH in Hamburg [10]. Solche Machenschaften müssen selbstverständlich auch außerhalb der BRD kritisiert werden, aber nur hier in Deutschland konnten sie die politische Unterstützung gewinnen, in deren Folge diese Ideologie systematischen Massenmord rechtfertigte. Deshalb sollte dieser Weltkongress verhindert werden. Allerdings sind dafür bisher keine UnterstützerInnen zu gewinnen gewesen. Es fehlt z.B. an Solidarität derer, die sich als "Antifa"verstehen.

Wie seit 17 Jahren beginnt am 2. Mai 2012 am Rememberance & Resistance Tag [11] um 14.30 Uhr eine Demonstration, die dieses Mal von der Tiergartenstr. 4 zur Reinhardtstraße 14 ziehen wird, dem Sitz der DGBP, der Gesellschaft für "biologische Psychiatrie", und der DGPPN – alle sind eingeladen mitzumachen.


© René Talbot war einer der beiden Sprecher des Freundeskreises des „Haus des Eigensinns“, der Initiative für Museum und Gedenkstätte in der Tiergartenstr. 4 in Berlin: www.dissidentart.de/eigensinn



[1] www.ispg.net/en/Meetings/2012_World_Congress/en/Meetings/2012_World_Congress.aspx
[2] Diese Gattungsschranke wird besonders offensichtlich durch die Ausstellung „Entartete Kunst“: Die Gegenüberstellung und Ähnlichkeiten der Werke Psychiatrisierter sollte Beweis für die Entartung=Gattungsfremdheit moderner Kunst sein.
[3] Siehe: www.dissidentart.de/bilder_tumarkin/alexander_meschnig.htm
[4] Thomas Szasz zitiert aus: "Interview with Thomas Szasz" in The New Physician, 1969
[5] Diese Vertauschung von Täter und Opfer wird besonders deutlich, wenn Nazis als "Wahnsinnige" gezeichnet werden, z.B. Rassenwahn im Nationalsozialismus oder wenn versucht wird, Anders Behring Breivik zu psychiatrisieren. Damit wird verdunkelt, dass es gerade die "Wahnsinnigen" waren, die als erste und letzte dem systematischen Massenmord der Ärzte-Nazis zum Opfer fielen. Es wird versucht, alles entpolitisiert nur als Geschehen unter Aliens zu exterritorialisieren.
[6] Mit einer Gattungsschranke fällt automatisch auch das Mordtabu
[7] Zitiert aus der zweiten Auflage der völlig neubearbeiteten Ausgabe von "Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie", Seite 478
[9] Geisteskrankheit? Ihre eigene Entscheidung! www.patverfue.de

[10] Eigentümer des CCH ist Hamburg, dessen SPD Regierung damit politisch verantwortlicher Gastgeber ist
[11] www.freedom-of-thought.de/may2


weiterführende Literatur:

Prof. Hermann Alois Boehm: Ein wissenschaftlicher Nazi
Nationalsozialistischer Rassehygieniker und wissenschaftlicher Humangenetiker
von Jörg Djuren, Hannover

HOME | IMPRESSUM