Der Vortrag wurde bei einer Veranstaltung der Studentischen Initiative GeDenkOrt.Charité:
"Das psychiatrische Panoptikum Ordnung - Krankheit- -Mensch"
einer interdisziplinären Performace & Lesung am 9.5.2017 in einem Hörsaal der Charité in Berlin gehalten - Einladung siehe hier
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Anti-Zwangspsychiatrie aktuell


Mein Name ist René Talbot – Danke für die Einladung, für den Lehrstuhl FÜR Wahnsinn und die-BPE hier sprechen zu können.

[Verteilen der positive Vorausverfügung - Niemand im Saal will sie unterzeichnen.]

Dass dann alles in der positiven Vorausverfügung beschriebene automatisch trotzdem geschehen kann, das zeigt das politische Problem, das durch Täuschung verdeckt wird. Obwohl offenbar niemand diese Zwangsmaßnahmen für sich autorisieren will, sind sie gesetzlich geregelt: Geisteskrank sind also immer nur die Anderen.

Zunächst möchte ich ein Missverständnis ausräumen: wir sind nicht Anti-Psychiatrie sondern Anti-Zwangspsychiatrie. Unsere Forderung ist die Abschaffung aller psychiatrischen Sonderentrechtungsgesetze, also PsychKG, Entmündigung durch Zwangsbetreuung und § 63 Strafgesetzbuch. Wer, gegen wen, mit welcher Rechtfertigung, Zwang und Gewalt ausübt, ist eine politische Frage, nie und nimmer ist die Ausübung von Gewalt eine medizinische Handlung. Für Medizin ist konstitutiv nicht zu schaden, dazu hat sie sich seit Jahrtausenden verpflichtet. Sie tut dies aber in dem Moment, wo sie, egal von wem mandatiert, Gewalt ausübt oder damit droht. Nur der bzw. die Betroffene kann einer Körperverletzung zustimmen. Die Zulässigkeit von Gewalt ist in einer Gesellschaft mit der Monopolisierung von Gewalt beim Staat das Resultat eines politischen Prozesses, hat nichts mit Medizin zu tun.

Wichtiger Zwischenschritt auf diesem Weg zu der Abschaffung aller psychiatrischen Sonderentrechtungsgesetze ist die PatVerfü. Wie gesagt, uns interessiert eine ausschließlich gewaltfreie, freiwillige Psychiatrie ohne eine Option auf Zwang nicht. Auch wer mit einer positiven Vorausverfügung Zwang autorisiert hat, soll doch diesen Zwang erfahren dürfen, unser stärkstes Argument ist doch gerade das Recht auf Krankheit.

Weil es gar kein psychiatrisches Wissen gibt, raten wir zwar ab, auf diese Fake Science hereinzufallen. Wir halten das psychiatrische Vokabular schlicht für Verleumdung. Das entsprechende Zitat von Thomas Szasz dazu ist in der verteilten Zeitung. Und warum es gar keine psychische Krankheit gibt, ist in dieser Zeitung Schritt für Schritt logisch zwingend erklärt. Aber wer glauben will, es gäbe diese angebliche „Psychische Krankheit“, für den soll selbstverständlich ebenso gelten „Geisteskrank? ihre eigene Entscheidung“.

Deshalb will ich hier auch keine Arie, auf die Misshandlungen und die Folter, die ich in der Psychiatrie erfahren habe, anstimmen, sondern nur den Blick auf die Zukunft richten. Das heißt, ich und wir setzen uns dafür ein, dass die PatVerfü unnötig wird, weil die Sonderentrechtungsgesetze abgeschafft werden und nur noch mit einer Positiven Vorausverfügung, wie sie anfangs hier verteilt wurde, psychiatrische Zwangsmaßnahmen legitimiert werden können. Wir wären doch die letzten, die S/M Spiele verurteilen oder verbieten würden.

Zur Wirkung der PatVerfü: Sie beruht darauf, dass im Patientenverfügungsgesetz die Gesundheitsuntersuchung ausdrücklich als ärztliche Handlung benannt ist, der für den Fall eines einwilligungsunfähigen Zustand vorab zugestimmt oder die eben abgelehnt werden kann.
Zitat § 1901a BGB:

Hat ein einwilligungsfähiger Volljähriger für den Fall seiner Einwilligungsunfähigkeit schriftlich festgelegt, ob er in bestimmte, zum Zeitpunkt der Festlegung noch nicht unmittelbar bevorstehende Untersuchungen seines Gesundheitszustands [fett R.T.], Heilbehandlungen oder ärztliche Eingriffe einwilligt oder sie untersagt (Patientenverfügung), prüft der Betreuer, ob diese Festlegungen auf die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation zutreffen. Ist dies der Fall, hat der Betreuer dem Willen des Betreuten Ausdruck und Geltung zu verschaffen. Eine Patientenverfügung kann jederzeit formlos widerrufen werden.

Seit September 2009 ist dieses Gesetz nun in Kraft.
Wir empfehlen bei irgendeinem Versuch, psychiatrisch diagnostiziert zu werden, konsequent zu schweigen. Dann kann der Arzt nicht untersuchen, aber vor allem darf er wegen der PatVerfü auch gar nicht mehr untersuchen! Gert Postel hat das mal sehr schön entlarvt: Als in Zschadrass noch unbekannt war, dass er nur gelernter Postbote ist, hat er einen Kollegen gefragt: „Was mach ich denn, wenn der Patienten schweigt?“ Und der Kollege antwortete: „Dann schreiben sie eben, symptomschwache autistische Psychose.“
Bingo: Psychiatrie war der Scharlatanerie überführt.
Ich habe mal erlebt, wie mir für eine Zwangseinweisung eine gute Fassade bescheinigt wurde. Die Psychiatrie kennt also die Simulation der Normalität – damit kann jede und jeder immer sofort psychiatrisiert werden. Und sie kommen auch nicht mehr frei, wenn sie dann alles brav nachplappern, was die Ärzte über sie behaupten, denn dann kann der Arzt die vorgetäuschte Krankheitseinsicht diagnostizieren. Ein schieres Willkürsystem das sich nur durch seine Option auf bzw. ausgeübte Gewalt erhalten kann.

Aber nun gibt es eben die PatVerfü. Auch wenn nur Wenige sie benutzen sollten, so erodiert sie jedoch das System völlig. Wie kann es noch eine Krankheit sein, wenn man nicht durch eine Impfung, sondern nur durch einen unterschriebenen Zettel diese angebliche Krankheit nicht mehr bekommen kann?
Die vorgebliche „Krankheit“ ist also nur eine Papier Mangelerkrankung.

Weil in diesem angstmachenden Zwangssystem ein Loch entstanden ist, ist das psychiatrische System an sich kaputt gegangen, denn ihm ist damit das notwendige Kriterium der Objektivität abhanden gekommen.
Dieses Loch bis zum endgültigen politischen Erfolg zu weiten ist nun unsere Aufgabe.
Gerne lassen wir uns dabei helfen – z. B. durch Verteilen der Flyer Zeitung. Wer mitmachen will, soll bitte so viele Zeitungen mitnehmen, wie man sich zu verteilen vorstellen kann. Wir haben davon reichlich.
Vielleicht den Refrat animieren, diese Verteilung und unseren Protest zu unterstützen und mitzumachen?
Also sehen wir uns vom 8.-12 Oktober beim Protest gegen den Weltkongress der Psychiatrie wieder?

© René Talbot

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